Weltreise Step #8: In Sarajevo

Sarajevo 2022 Titel

:: 24.06.2022 bis 27.06.2022 – Sarajevo, Bosnien-Herzegowina ::

Meine ersten Erinnerung an Sarajevo sind aus 1984. Die olympischen Winterspiele. Irgendwie haben sich ein paar Bildfetzen vom Skispringen und Jens Weißflog, wie er als junges Küken dort Gold gewann, in meinem Gedächtnis festgesetzt.

Die zweite Erinnerung ist weniger schön. Sie stammt von den Fernsehbildern während der 4-jährigen Belagerung Sarajevos (April 1992 bis Februar 1996) durch die bosnisch-serbischen Aggressoren und Teilen der alten jugoslawischen Armee.

Insgesamt starben in der Stadt 11.000 Menschen (darunter 1.600 Kinder) und 56.000 wurden verletzt. Schrecklich.

Warum auch immer, aber ich wusste, irgendwann muss ich da hin und diese Stadt erleben.

Es ist das Jahr 2022 und hier bin ich. 4 Tage gehört Sarajevo mir.

Am 1. Tag bin ich erstmal auf der Suche nach einem schönen Café, wo man auch potentiell die Tage etwas arbeiten könnte und allgemein die Lage auskundschaften. Wo gibt es welches Essen? Wo bekomme ich Bargeld her? Und eine lokale SIM-Karte hätte ich auch gern, denn meine EU-SIM bringt mir hier nichts mehr.

Dabei durchstreife ich direkt die historische Altstadt, in der sich auch etwas am Rand auf einem Berg meine Unterkunft befindet.

Ich bin also gleich mittendrin im Getümmel. Was sofort auffällt, es gibt einen eigenartigen Mix aus Frauen in ihren typischen Tschador (nur das Gesicht ist sichtbar) oder Niquab (nur die Augen sind noch durch einen Schlitz zu sehen) und aufgebrezelten extrem geschminkten Damen in kurzen Kleidern. Es ist ein starker Kontrast zwischen den beiden Extremen.

Es erinnert mich irgendwie alles schon sehr an die Türkei und das mitten in Europa. Das hatte ich so deutlich zu dem Zeitpunkt und an dem Ort noch nicht erwartet, um ehrlich zu sein.

Aber gut, Neues lernen und Horizont erweitern. Geht klar!

Ich suche Frühstück, finde aber nichts, was danach aussieht. Und auf Döner Kebab, mal abgesehen vom Fleisch, ist mir zum Frühstück auch nicht. Ui, es beschleicht mich das Gefühl, dass es mit dem Essen hier schwierig werden könnte.

Eher durch Zufall entdecke ich in einer Seitenstraße ein durchaus modern aussehendes Café und bestelle mir einen Café Americano und einen Blaubeer-Muffin. Das muss zum Frühstück reichen. Ich sondiere die Theke, während ich auf den Kaffee warte. Oh der Haferkeks ist aber groß und sieht lecker aus. Naja, morgen dann vielleicht.

Ich setze mich hin und klappe den Laptop auf. 5 Minuten später kommt eine nette Dame und sagt dies sei hier verboten. Verboten? Der Laptop? So komplett? Muss ich jetzt weitersuchen?

Ich schaue mich um. Sie zeigt auf ein Schild (mit bosnischer Schrift, keine Ahnung) und nach unten. Dort wäre ein extra Raum für Leute, die arbeiten oder lesen wollen.

Okay cool, aber warum es oben verboten sein soll… na egal. Ihr Laden, ihre Regeln. Ich gehe runter und hab den Raum und die Leseecke darin für mich allein. Soll mir recht sein.

Es sollte sich die Tage dann herausstellen, dass dies mein Lieblingsort (in dem mir bekannten Teil von Sarajevo) zum Arbeiten werden wird. Immer gut, eine Art Base zu haben.

Ich aß jeden Tag einen Hafer-Cookie!

Das mit dem Essen stellte sich dann in der Tat als schwierig heraus. Im Prinzip gibt es hier alles nur mit Fleisch. In 1.000 Variationen. Sie lieben ihr Fleisch, dass war offensichtlich. Aber ich mag nicht. Mhhh…

Happy Cow zeigt mir insgesamt nur 3 vegane Läden in der gesamten Stadt an. 2 davon sind in der Neustadt, also zu weit weg. Und der 3. Laden ist laut Google dauerhaft geschlossen. Oh je.

Am 1. Tag halte ich mich mit einem Käse-Naan-Brot über Wasser, den 2. Tag esse ich Burek (in der Türkei als Börek bezeichnet) mit Spinat und Feta, ein typisch lokales Gericht. Aber mir ist es zu fettig und viel zu schwer. Ich schlafe die Nacht nicht gut.

Zum Glück entdecke ich 2 Smoothieläden und gönne mir zwischendurch ein paar grüne Stärkungen. Die nette Besitzerin des einen Laden empfiehlt mir noch ein vegetarisches Restaurant, was ganz toll sein soll. Und in der Tat, die Google-Rezensionen loben das Restaurant. Leider liegt auch dieses in der Neustadt.

Den 3. Tag finde ich ein libanesisches Restaurant und esse Falafel & Hummus. Halleluja. Endlich was Vernünftiges zum Futtern.

An Tag 4 komme ich eher zufällig an dem veganen Laden vorbei, der lt. Google dauerhaft geschlossen sein soll. And guess what! Der Laden hat offen. Ich gönne mir einen veganen Amarillo Burger (scharf) mit Pommes. Oh das war lecker!

Schade, dass ich hier nicht eher mal vorbeigegangen bin. Dann wäre ich jeden Tag hergekommen.

Eine SIM-Karte habe ich auch nach etwas suchen und rumfragen gefunden. Die werden hier meist an Kiosken verkauft und nicht wirklich groß beworben. Aber wenn man fragt, bekommt man 15 GB und 10 Tage für 20 BAM, also 10 EUR. Das ist fair.

Später erfahre ich, dass es auch ein Paket für 30 GB und 30 Tage gibt. Kosten hier 40 BAM, sprich 20 EUR. Oder gar 100 GB und 30 Tage für 100 BAM (50 EUR). Alles fair in meinen Augen.

Die SIM-Karte ist extra für Touristen, lokale SIMs bekommt man nicht so einfach. Dafür kann man die Touristen-SIM ohne fremde Hilfe einrichten. Eigentlich.

Bei mir klappte das nicht so recht, wohl weil das System mit der Dual-SIM-Funktion meines iPhones durcheinander kam, aber mit Hilfe des freundlichen Besitzers eines „ich verkaufe alles mit einem Kabel dran“ Shops, konnte das Problem schnell aus der Welt geschafft werden.

Die Tage nahm ich mir immer nur 1 Ziel vor, weil es doch mit weit über 30 Grad schon echt warm und anstrengend war, speziell um die Mittagszeit rum.

Ich schaute mir wie gesagt die historische Altstadt rund um den Baščaršija-Platz sehr ausführlich an, mit der alten weißen Moschee (Gazi-Husrev-Beg-Moschee), dem Sebilj, ein orientalischer Brunnen aus 1891, und den unzähligen Cafés, Bars und Bistros. Auch wenn die Shops auf dem Boulevard sehr auf Touristen ausgelegt waren und es sehr viele Touristen hier gab, versprühte das Viertel trotzdem einen guten Hauch von Authentizität.

Ich fuhr mit der Seilbahn hoch auf den Stadtberg Trebević (1.629 m), besuchte die etwas weiter außerhalb liegende Ziegenbrücke (Kozija), eine original erhaltene Brücke aus dem 16. Jahrhundert, die ein Teil einer wichtigen Handelsroute im osmanischen Reich war, und schaute mir auch eine alte zerstörte Kasernen (Jajce-Kaserne) an, die weit sichtbar auf einem Hügel am Stadtrand thront.

Eine Tour führte mich auch zum modernen Avast Twist Tower. Es ist das höchste Gebäude in ganz Bosnien-Herzegowina und von hier oben (es gibt eine Bar und ein Observation-Deck im 35. Stock) hat man nochmal eine ganz andere Perspektive auf die Stadt, als vom auf der anderen Seite der Stadt liegenden Trebević.

Der Bahnhof von Sarajevo ist dagegen eine ganz traurige Angelegenheit. Selten habe ich einen so trostlosen Ort gesehen. Die Hälfte des Gebäudes steht leer und eine Seite sieht schon sehr verfallen aus. Der Rest wird notdürftig in Betrieb gehalten.

Ich werde mit dem Zug von Sarajevo nach Mostar fahren. Das ist die günstigste Möglichkeit. Ich hoffe mal, dass die Züge nicht die gleiche Qualität haben, wie der Bahnhof. Wenn doch, dann wird das sehr abenteuerlich.

Mir hat es in Sarajevo auf jeden Fall gut gefallen und ich bin froh, hier gewesen zu sein. Es ist jetzt (für mich) kein Highlight an sich, aber nicht jeder Ort kann das sein. Das wäre ja auch sehr seltsam, wenn alles immer gleich „super duper geil“ wäre.

Es war interessant und es gab viele neue Eindrücke. Das zählt. Darum geht es beim Reisen, oder?

Eine letzte Sache noch, die Preise scheinen in Bosnien-Herzegowina moderat zu sein.

Alles etwas günstiger als in Deutschland. Ein Kaffee kostet 2-3 BAM, was 1,50 EUR entspricht. Ein Döner Kebab geht für 5-6 BAM über die Theke. Ein Grillteller mit viel Fleisch für 12-15 BAM. Ein Smoothies kostet 5-7 BAM.

Und sie haben lustiges Geld.

BAM ist die offizielle ISO-Norm-Abkürzung, eigentlich heißt das Geld hier aber Konvertible Mark (KM) und teilt sich in Mark und Fening. Das erinnert mich doch an etwas?

Genau, die Mark ist von Deutsche Mark (unsere gute alte DM) abgeleitet, wie auch der Fening vom Pfennig. Vor der Währungsumstellung in 1998 hatte Bosnien-Herzegowina 3 Währungen, den bosnischen Dinar, die kroatische Kuna und den (neuen) jugoslawischen Dinar. Um die Einigung aller 3 ethnischen Gruppen auf eine neue Währung zu erreichen, musste etwas neutrales her. Und da die DM inoffiziell bereits viel Verwendung gefunden hatte im privaten Bereich, adaptierte man einfach das deutsche System und koppelte die neue Währung 1:1 an die DM. Damit konnten alle leben.

Und so wurde die KM eingeführt, die heute mit dem alten DM zu EUR Umtauschkurs noch immer 1:1 an den Euro gekoppelt ist, wie damals die Kopplung an die DM.

Lustig, oder? Ich habe hier meine gute alte DM wieder!

Die nächste Station wird dann Mostar sein.

CU Ingo.


Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Scroll to Top